Interview mit Kamiab Falaki

Das folgende Interview wurde von mir mit dem Hamburger Autoren Kamiab Falaki zu seinem Erzählband „Auf Abwegen“ in der letzten Ausgabe von der österreichischen Zeitschrift für Kultur und Politik „Brot & Spiele“ veröffentlicht.

Vorab eine kurze Charakteristik des Autors und dann eine Zusammenfassung des gesamten Buchinhalts.

Über den Autor:


Kamiab Falaki, geboren 1953 im Iran entzieht sich geographisch oder kulturell aufgeladenen Zuschreibungen. Diese Form kognitiver Grenzziehungen greift nicht für seine Literatur. Sie ist in unserer von vielfältigen Exilen geprägte Welt vielmehr als Einladung zu verstehen, den Blick auf unterschiedliche Formen der Entwurze-lung zu lenken, die sichtbar und erfahrbar werden, wenn Menschen aus ihrer Normalität herauskatapultiert und Abwege zur neuen Normalität werden.



Das Buch:

Auf Abwegen von Kamiab Falaki
Arachne Verlag Bonn 2022
ISBN 978-3-932005-95-4

Zusammenfassung des Buches:


Der Erzählband Auf Abwegen (168 Seiten) von Kamiab Falaki umfasst 20 Geschichten, Kurzgeschichten und längere Erzählungen, einige Gedichte und Bilder des Autors.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Risse und Unerwartet. Im ersten Teil begegnen wir Migrant*innen, vor allem aus dem Iran.
Der Teil Unerwartet mit deutschen Protagonisten umfasst Einzelgeschichten, in jeder von ihnen gibt es eine vollkommen unerwartete Wendung.

So verschieden die Sozialisation, die Charaktere, die Milieus auch sind, die Protagonisten in beiden Teilen durchlaufen ähnliche innere Prozesse: Verlust und Sehnsucht, Schuld, Scham, Scheitern und Angst. Auch zeitlose universale Themen wie Freier Wille, Diktatur der Erinnerung, Machtverhältnisse, Verrat und Rache werden durchleuchtet. Aber auch Menschlichkeit, Freundschaft, ekstatische Momente und Sinnlichkeit.

Alle Geschichten entwickeln sich um einen zentralen Plot herum und sind so angelegt, dass der Leser mögliche Fortsetzungen weiterspinnen kann. Einige Texte vom ersten Teil sind autobiografisch gefärbt.

 


In einigen Geschichten im zweiten Teil fließt die brandaktuelle politische und gesellschaftliche Realität in Deutschland und Aspekte der sozialen Misere ein. Die Perspektive ist mal die des Ich-Erzählers, mal die der dritten Person. Zwei Geschichten sind vorwiegend in Dialogen an­ gelegt, Psychoduelle, in denen die Worte Mimik und Gesten ersetzen.

Die Handlungen zeichnen spannende Begegnungen mit pointierten Dialogen und eine beeindruckende bildhafte Sprache aus. In eindringlichen Szenerien entwickeln sich oft atmosphärisch dichte Dramen fern von Pathos, ohne moralische Zeigefinger und aufgesetzte Empörung.

Verschiedene Settings und abwechslungsreiche Figurenensembles über die Landesgrenzen hinweg vermitteln Geschichten von entwurzelten Menschen, die dies- und jenseits der geografischen Grenzen außerhalb der sogenannten Normalität geraten sind.

Der Autor erzählt mit Sympathie für und mit Respekt gegenüber seinen Figuren. Die Lektüre dieses Buches hinterlässt mit ihrer abwechslungsreichen und thematischen Tiefe einen aufwühlenden und nachhaltigen Eindruck.

Das Interview


Wilhelm: Die erste Frage hat mit der Form Ihres Buches zu tun, warum ein Erzählband und nicht ein Roman oder eine Novelle, die gängiger sind im Literaturbetrieb und leichter zu veröffentlichen?

Falaki: In Romanstrukturen ist man in der Regel an gewisse dramaturgische Bestimmungen gebunden, die mir bei diesem Projekt eher hinderlich schienen.

Wilhelm: Wieso bezeichnen Sie Ihren Erzählband als Projekt und was meinen Sie konkret mit dramaturgischen Bestimmungen?

Falaki: Den Begriff Projekt finde ich zutreffend für mein Anliegen, es entwickelte sich mit der Zeit zu einem Langzeitprojekt, das sich über mehrere Jahre hinzog. Zu Ihrer Frage: Normalerweise gibt es in Romanen eine Hauptgeschichte und eine Hauptfigur. Romane verlangen eine einheitliche Sprachgestaltung, auch über einen längeren Handlungsraum einen wohldosierte Spannungsbogen. Und nicht zuletzt eine einheitlich Erzählperspektive. Für dieses Projekt brauchte ich jedenfalls gewisse Freiheiten.

Wilhelm: Was meinen Sie genau mit Freiheiten, denn auch in Erzählbänden so wie in Kurzgeschichtensammlungen gibt es gewisse Grundsätze und Festlegungen.




Falaki
: Ja gewiss, dagegen habe ich auch nichts. Hier habe ich mich aber bewußt für einen anderen Weg entschieden und das meine ich mit Freiheiten. Ich habe hier völlig verschiedene Handlungen in unterschiedlichen Zeiträumen in weit ver-streuten geografischen Settings entworfen. Und dazu grundverschiedene Figuren aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angelegt und die Geschichten per-spektivisch, je nach bedarf, mal als Ich-Erzähler und mal aus auktorialer Sicht erzählt.

Wilhelm: Sie haben auch manche Figuren wiederholt in anderen Geschichten auftreten lassen.

Falaki: Ja die gleiche Person aber mit einem neuen Gewicht, mit einem neuen eher überraschenden Charakterzug, mal als Hauptfigur, mal als Nebenfigur. Durch die-se Gewichtsverschiebungen und Veränderung der Situationen gewinnen die be-troffenen Geschichten mehr an Spannungen, an Dramatik. Dadurch erkennen die Leser die Mehrdimensionalität der handelnden Personen und noch wichtiger sie selbst, und damit meine ich die Figuren, die in sich neue Eigenschaften entdecken und an die Grenze ihrer Kapazität gegenüber Konflikte gehen. Sie erleben unweigerlich ihr Ausgeliefertsein an alltäglichen zwängen, ihr Scheitern an den realen zuständen unserer Welt. Und hier kristallisiert sich das Hauptthema des Buches.

Wilhelm: Ihre letzten Sätze bringt das Gespräch an einen wichtigen Punkt und zwar das Thema ihres Buches. Da möchte ich etwas ausholen, schon im Klappentext steht, dass die Protagonisten in beiden Teilen des Buches trotzt immenser konti-nentaler wie sozialer Unterschiede ähnliche innere Prozesse durchlaufen, Gefühle wie Verlust, Sehnsucht, Schuld oder Täuschung.
Ich würde darüber hinaus gehen, beim Lesen Ihres Buches hatte ich das Gefühl, dass das beherrschende Element hier das Scheitern ist. Ein Hauch des Unglücks liegt über allem, was hier geschieht, oder noch in der Zukunft geschehen kann. Auch in heiteren Momenten überschattet eine unsichtbare aber fühlbare Unsicherheit, eine drohende Zerbrechlichkeit. Und das betrifft alle Geschichten, nahezu alle Figuren erleben eine Art von Gefühlsdrama.
woran scheitern eigentlich Ihre Figuren?     

Falaki: An unserer realen Welt. an wirklichem Leben. Den Kern haben Sie richtig erkannt, ich würde nur einiges mit anderen Worten beschreiben, Das Hauptthema Meines Buches lautet Entwurzelung, und ich wiederhole es gerne und führe weiter, hier sind die Geschichten von entwurzelten Menschen ausgeführt, die dies und jenseits der geografischen Grenzen außerhalb der sogenannten Normalität geraten sind.

Wilhelm: Sie kommen aus dem Iran, leben schon seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland. Ihr Buch umfasst 20 Geschichten und ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil „Risse“ begegnen wir Migranten, vor allem aus dem Iran. Betrachten Sie sich als Exilautor?

Falaki: Ja und nein. Ja, weil ich aufgrund meiner Biografie eine lange ereignisreiche und Komplizierte Reise unternehmen musste, von geografischem bis hinzu inneres Exil. Von Autoren mit Migrationshintergrund wird in der Regel erwartet, dass sie sich mit Herkunft und Heimat, mit Fremdheit und Identitätssuche beschäftigen, und ob sie sich im sogenannten Gastland zurechtfinden. Diese Themen habe ich auch auf meine Art im Esten Teil meines Buches verarbeitet. Es gibt aber auch einen Zweiten Teil, in dem ich mich umfassend mit der deutschen Gesellschaft und deutschen Figuren beschäftigt habe, mit Verlierertypen, Außenseitern, Einzelkämpfern und nicht zuletzt aus dem Milieu von ehrbaren Bürgern und aus den Bereichen von politischer Brisanz. Wichtig ist aber zu erwähnen und zu beto-nen, dass in beiden Teilen, egal ob es um einen Migranten oder um einen Deutschen geht, abgesehen von formalen und kulturellen Merkmalen und Unterschie-den, die Grundthemen bei beiden Spezies gleichbleiben. Da haben wir es zu tun mit universellen zeitlosen Themen wie Macht und Machtverhältnisse, Märchen wie der Freier Wille, Diktatur der Erinnerung, mit Motiven wie Hoffnung und Enttäuschung, Sehnsucht, Angst und Obsessionen.

Wilhelm: Ich möchte jetzt zur Form Ihres Buches kommen, zur gesamten Struktur, zur Technik und zum Schreibstil, zuerst aber zum Titel, „Risse“ und „Unerwartet“ lauten die Zwischentitel der zwei Teile. Der Begriff „Risse“ ist in Bezug auf verschiedene Stationen, die Migranten erleben und damit verbundenen Ungewissheiten und Unsicherheiten anschaulich, plausibel und verständlich, worauf bezieht sich der Titel des zweiten Teils „Unerwartet“?

Falaki: Aus dem Leben selbst, aus der Wirklichkeit um uns herum. Ziehen wir die langweiligen Momente unseres Lebens ab, von diesem alltäglichen Fluss unbedeutender Dinge, sind nicht die entscheidenden Ereignisse im Menschenleben eher als Überraschung, genauer als Unerwartet zu bezeichnen?
Sich als Betrachter darauf zu konzentrieren, zu fokussieren, bedeutet in den Kern die Dinge, in die Tiefe einzudringen. Das ist auch ein effektives Dramaturgisches Mittel, wie der Verlauf der Ereignisse im Buch zeigt, intensive und dramatische Lebensabschnitte zu veranschaulichen, Neugierde und Spannung zu erzeugen.

Wilhelm: Der Begriff veranschaulichen bringt mich zu einem wichtigen Punkt, ich nenne das bildhafte Beschreibungen, davon findet man in Ihrem Buch viel Exemplarisches. Schon im ersten Teil des Buches, in der dritten Geschichte mit dem Titel „die Schwarze Pflanze verschlingt die Stadt“ gibt es eine markante Passage, und obwohl es hier um einen schon angekündigten Tagesalbtraum geht, ist der Leser einer verstörenden gruseligen und visuell beeindruckenden Szenerie ausgesetzt.

Falaki: Vielleicht kommt es daher, dass ich in Bildern und in Bewegungen aufgewachsen bin, vielleicht ist es auch der unweigerliche Einfluss von einer Fülle von Filmen, die in meinem Unterbewusstsein eingeprägt ist. Jedenfalls in Bildern zu erzählen und zu visualisieren verleiht einer Prosa Bewegung und Dynamik und fordert die emphatische Anteilnahme heraus.

Wilhelm: Und ich möchte gerne dabeibleiben, an der Form, an Ihrer Erzähltechnik. Spätestens ab der ersten Geschichte des zweiten Abschnitts, dem deutschen Teil meine ich, kristallisiert sich eine stilistische Tendenz heraus. Es scheint, dass die Protagonisten nicht so gern etwas über sich preisgeben, auch wenn sie über die bedeutenden Ereignisse in ihrer Vergangenheit sprechen, drücken sie sich in sehr kürzen flüchtigen Sätzen aus, eher wie in einem sachlichen Bericht. Und das ent-wickelt sich zu einem Stilmittel für das gesamte Buch.

Falaki: Ich finde es aus unterschiedlichen Gründen besser, wenn Menschen im Allgemeinen weniger über sich sprechen und ihre Lebensgeschichten eher für sich behalten. Es sind oft verklärende Rückschauen, gezeichnet mit einer oberflächlichen Melodramatik und nicht selten rudimentäre selbstbezogene Eigenwerbung.
Zurück zu der Frage: Alle Geschichten entwickeln sich hier um einen zentralen Plot herum, es sind intensive, zum Teil dramatische Begegnungen im Hier und Jetzt. Die Figuren befinden sich oft in entscheidenden Lebensphasen, die ihre Zukunft bestimmen und es geht gelegentlich im Wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Deshalb lag hier häufig das Hauptgewicht auf Tempo, auf Intensität und Eindringlichkeit in der hitzigen Gegenwart.

Wilhelm: Wieder zurück zum zweiten Teil des Buches, im Gegensatz zu vielen an-deren Erzählbänden haben wir hier eine weit gefächerte Landschaft, ein abwechslungsreiches Figurenpersonal und eine Reihe von ungleichen Settings. Beson-ders auffällig die Charaktertypen und ihre unterschiedliche gesellschaftliche Stellung, vom abgehängten Arbeitslosen, überdrehten Rentner bis hinzu einem angesehenen Richter und renommierten Sozialwissenschaftler. So verschieden sie auch sind, befinden sie sich fast alle in ernsten bizarren Konflikten und Lebenskrisen.
in der Geschichte mit dem sarkastischen Titel „Taschengeld“ kommt Ihr Stil der Er-zählökonomie und der Reduzierung zum Ausdruck. Da haben wir eine zurückgezogene Hauptfigur, einen Erwerbslosen, der in einen äußerst vertrackten
Fall verwickelt wird. Man könnte es als einen spannenden Bewusstseinskrimi bezeichnen. Die Handlung will ich hier nicht verraten, was aber bei mir hängen blieb, ist das Phänomen die Pickel als symbolische Deutung. Dieses hartnäckige eitrige verstörende Pickeln an seinem Gesicht und in seiner Psyche sind wahrscheinlich ein ausgeklügeltes dramaturgisches Mittel, eine Art Metapher oder?

Falaki: Ja, vor allem aber ein Zeichen dafür, dass er mit dem, was er getan hat, emotional durchkommen kann, Denn hier spielen Fragen wie die Täterschaft oder die eventuellen polizeilichen Ermittlungen keine nennenswerte Rolle mehr, sondern einen anderen entscheidenden Faktor, nämlich, ob er in der Lage ist, diese Last physisch und psychisch zu verkraften. Es ist eher ein inneres Drama, eine Art von Dastojewskiphänomen.

Wilhelm: Und den Ausgang lassen Sie offen, genauso wie in vielen anderen Fällen. Es sind besondere Arten von Open Ends, die ein mulmiges, ein beunruhigendes Gefühl hinterlassen. Man wird hineingezogen in die Geschehnisse, man erlebt mit und leidet mit, trotzdem ist aber das dominierende Element eine trostlose Leere, eine Unsicherheit, die über allem schwebt.
Es scheint ein Konzept dahinter zu stecken, das über die einzelnen Geschichten
hinausgeht, mögen Sie darüber etwas sagen?

Falaki: Da landen wir bei dem Hauptthema des Buches, die Haltlosigkeit, genauer die Entwurzelung der Menschen hinter den gesellschaftlichen Kulissen, und zwar jenseits der geografischen Grenzen. Auch einer der Gründe, dafür dass ich mich nicht für einen Roman, sondern für diese Art, für einzelne Handlungen entschieden habe, um das Thema in einem möglichst weiten Feld, in einer breiten Land-schaft auf den Grund zu gehen.
Wir begleiten die Figuren in bestimmten zentralen Stationen ihres Lebens bis zu einem gewissen Punkt. So haben die Leser Einiges mitzunehmen und nachzukauen, nicht nur über den weiteren Verlauf des Geschehens, sondern und noch wichtiger, wie es um die Beschaffenheit unserer Welt steht, in der Ausweglosigkeit und so viele Miseren die Oberhand gewinnen.

Wilhelm: Auch der Begriff Verrat hat eine wichtige Dimension im Buch.

Falaki: Ja er ist eine der hässlichsten Eigenschaften des menschlichen Wesens, die in politischen Systemen jeglicher Art existieren. Besonders markant und schmerzhaft zeigt sich aber dieses Phänomen in den Zeiten von gesellschaftlichen Umbrüchen und in Revolutionen. Für die Betroffenen, die das erleben, durch ihren
Freundes- oder Bekanntenkreis, ist es tiefgreifend schockierend. Sie bezahlen es mit Gefängnis, mit Folter, gelegentlich auch mit ihrem Leben. Der Begriff Verrat gehört jedenfalls zu einer der unbehaglichsten Realitäten, die von dem kollektiven Bewusstsein lieber verbannt, übersehen, ignoriert oder getilgt wird.
In der Geschichte „Wir versauten Intellektuellen“ gibt es einen solchen Beschädigten, dessen Biografie unter anderem durch einen Verrat zu Grunde gerichtet wurde und am Ende kommt er zur folgenden Erkenntnis: „Menschen werden zu Verrätern. Eine schreckliche und eigentlich banale Tatsache.“

Wilhelm: Man könnte noch über verschiedene Aspekte Ihres Buches sprechen, ich komme aber zu einem Punkt, der mir während der Lektüre aufgefallen ist und der mich nicht mehr losgelassen hat. Wer ist dieser mysteriöse Autor, der über Azzia, die Hauptfigur in der Geschichte „heute, gestern, morgen“ so detailliert Bescheid weiß, auch über ihre Vergangenheit im Iran und über ihre so unglücklich verlaufende Liebesgeschichte? Einige Menschen in verschiedenen Handlungen rätseln über die Identität des Autors ohne irgendeine Antwort darauf zu haben. Auch Sie lassen das offen.

Falaki: Sie sprechen eines die wichtigsten verborgenen Motive im gesamten Buch. Wie der Leser später feststellen wird, ist die Geschichte von Azzia aus der Sicht von diesen unbekannten Autoren erzählt. Und darüber beschwert sie sich in einer anderen Erzählung, dass eben dieser Autor über sie und ihr Innenleben einiges dazu fantasiert und es hoch dramatisiert hat. Damit wollte ich über zum Teil die negative Rolle von Schriftstellern bei dem aufrechterhalten und zementieren von manchen gesellschaftlichen und kulturellen Normen hinweisen. Und in diesem Fall konkret über die sogenannte romantische Liebe und alle ihre problematischen Nebenwirkungen.

Wilhelm: Ist das nicht eine Dekonstruktion ihres eigenen Aufbaus und Stils und das ausgerechnet bei der einzigen Geschichte, in der, Liebe, Leidenschaft und Herzschmerz eine so dominierende Rolle spielen?

Falaki: an dieser Stelle möchte ich den Raum nutzen meine Gedanken dazu etwas breiter darzulegen, weil ich es enorm wichtig finde, die beklagenswerte Situation des aktuellen Zustands der Literatur und folglich der Autoren zu benennen. Und das ist leider nicht das einzige Gebiet, noch dramatischer ist die Lage in den Bereichen der radikalen Gesellschaftskritik und besonders der eklatante Mangel an guter Literatur über den katastrophalen politischen Zustand um den Globus herum.
Also jetzt zurück zu Ihrer Frage: Die Umschreibung die von Ihnen genannten Eigenschaften bedeutet in der gesellschaftlichen Realität die Verschmelzung mit und die Auflösung des eigenen Ichs in ein utopischen Wir. Die Wirklichkeit zeigt aber deutlich, dass solche illusionäre Idealisierung von Beziehungen nicht funktionieren. Das ganze Theater wird auch von den gesamten herrschenden Kulturellen Landschaften, inklusive des Literaturbetriebes befeuert und mit Erfolg verkauft, folglich haben nicht wenige Autoren einen erheblichen Anteil daran.

Wilhelm: Ist aber nicht das Begehren eines der ältesten menschlichen Bedürfnisse, gehören nicht Liebesbeziehungen, Geborgenheit und Zusammengehörigkeit zu den elementarsten Beweggründen der Menschen überhaupt?

Falaki: Das hängt sehr stark davon ab, wie diese elementaren Bedürfnisse verstanden und tatsächlich gelebt werden. Das Begehren könnte vielleicht anders, jenseits der gängigen Seifenblase mit mehr Vernunft und Rationalität geregelt werden, die Menschen sind aber dazu nicht in der Lage. Diese Schwäche wird aber für bestimmte Zwecke besonders medial und vor allem von der Filmindustrie instrumentalisiert und die Menschen tappen auch vielleicht aufgrund einer evolutionären Fehlfunktion gerne und immer wieder freiwillig in die Falle.
Die sogenannte Liebe, ich habe irgendwo gelesen, ist eine gesellschaftlich anerkannte psychische Krankheit.

Wilhelm: Können Sie das genauer beschreiben?

Falaki: Die Instrumentalisierung der romantische Liebe hat in der sogenannten mo-dernen Zeit und mit der westlichen industriellen Revolution begonnen. Und danach wurde dieses perfide Spiel mit den Sehnsüchten und Hoffnungen durch alle herrschenden kulturellen Institutionen im Bewusstsein und Unterbewusstsein von Menschen weiter eingepflanzt und verfestigt. Dazu gehören auch verschiedene Nebenzweige wie die Legendenbildung von Schönheitsidealen, die aus machtökonomischen Gründen permanent auf eine teuflische Perfektion betrieben und verfeinert wird. Betrug und Lügen sind die Basis von Konsumkapitalismus, der die menschlichen Emotionen manipuliert und kommerzialisiert. Zu diesem Sektor
gehören hauptsächlich Werbe- und Pharmaindustrie, die permanent Milliarden und Abermilliarden kassieren.

Wilhelm: In wieweit sind aber in diesen eher wirtschaftlichen profitorientierenden Prozessen Schriftsteller und Literatur verwickelt?

Falaki: Wie gesagt, auch der gesamte Literaturbetrieb, ausgenommen einige wenige Verlage, sind auf reinen Profit orientiert und vielleicht noch schlimmer auf das Bewahren von bürgerlichen Normen ausgerichtet. Auch viele Autoren beteiligen sich, hauptsächlich wegen der finanziellen Vorteile an diesem unsäglichen idealisierten und illusionären Liebesgeschäft. Ein objektiver Blick auf die Realität, vom Ende der sogenannten prominenten Traumpaaren und die Ernüchterungen der ganz normalen Menschen in den sogenannten Liebesbeziehungen, genauer Liebeskonflikten verrät bände.
Abgesehen davon werden die Themen in der Literatur besonders in sogenannten Bestsellerlisten zunehmend reduziert auf Individuelles und Persönliches ohne politische und gesellschaftliche Relevanz. Der Weltzustand ist Meilenweit dramatischer und ernster als uns die aktuelle Belletristik auftischt.
Wir haben auch die Rolle der Literatur in der Vergangenheit und ihre kulturelle Einflussnahme glorifiziert, der aktuelle Zustand der Literatur hat aber, außer wenigen Ausnahmen, erheblich ihren Anspruch an rebellische und aufklärerische Substanz verloren.

Wilhelm: Sie bringen manchmal völlig neue Denkanstöße ins Gespräch, was denken Sie über die von der Glorifizierung der Rolle vergangener Literatur?

Falaki: Kurz gesagt, es sind nur sozioökonomische Bedingungen, die nachhaltige Krisen, Kriege und gesellschaftliche Veränderungen hervorrufen. Betrachten wir nur die jüngere Geschichte, die Gründe für die Entstehung des ersten und des zweiten Weltkrieges oder anderer großen weltweiten Konflikte liegen nur in der Politik. Kunst, Kultur oder Literatur haben nie in den gesellschaftlichen Prozessen eine nennenswerte Rolle gespielt. Annahmen wie durch Literatur Bewusstsein schärfen sind Illusionen, höchstens in den kurzweiligen Entspannungsprioden haben vielleicht manche Werke für gewisse Sensibilität beigetragen. Im jetzigen krisengeschüttelten Weltzustand mit einer ersthaften atomaren Selbstauslöschung müsste man auch dieses angenommene Einwirken der Literatur in Frage stellen.

Wilhelm: Zurück zum vorletzten Thema und die sogenannte romantische Liebe, Autoren oder Literatur sind aber nur ein Teil des gesamten Kunstspektrums, wie wird Ihrer Meinung nach dieses illusionäre Liebesgeschäft in den anderen Bereichen der Kunst behandelt?

Falaki: In unserem Gespräch lag der Schwerpunkt freilich auf der Literatur und auf den Autoren. Ansonsten gibt es eine Kulturindustrie, die mit raffinierten massenpropagandistischen Werkzeugen auf tiefe Indoktrination ausgerichtet ist. Die Leute auf eine utopische Reise nach dieser einzigen großen ewigen Liebe herumirrend zu schicken, ist nur ein Teil deren Gesamtstrategie.
Und in diesem Verhängnisvollen Katz und Maus Spiel sind leider nicht nur das Literaturgeschäft oder Autoren, auch eine gewaltige Mehrheit von Künstlern mit von der Party. Eigentlich ist das ein leidvolles Thema, das wenn überhaupt gewollt, eine entlarvende Extrastudie verlangt. Denn das Problem liegt nicht nur an den erwähnten finanziellen Vorteilen, sondern es hat auch andere geistig kognitive Gründe wie zum Beispiel die Borniertheit, die Anpassungsfähigkeit vieler Künstler und ihr tiefes verwurzelt sein in einer konventionellen kleinbürgerlichen Denkausrichtung.

Wilhelm: Wie sieht es aus mit Ihren eigenen literarischen Plänen, arbeiten Sie aktuell an einem Projekt, wie geht es weiter?

Falaki: Eigentlich war dieses Buch sehr umfangreicher geplant, besonders wollte ich dieses letzte Thema in literarischer Form verarbeiten und das hätte vielleicht die wichtigste Dimension eingenommen. Zeitlich und aus anderen Gründen habe ich aber es nicht mehr schaffen können. Zurzeit bin eher mit meinen schon seit Jahren gespalten Notizen und zahlreichen Anmerkungen beschäftigt. Und ich denke nicht mehr daran, dass ich mich mit einem Manuskript mit Verlagen und ihren Lektoren herumschlagen möchte, außer es findet sich eine konkrete Zusammenarbeit mit einem geeigneten Verlag und einem verbindlichen Auftrag. Zündende Ideen für Literatur habe ich genügend. Außerdem schweben mir einige anregende Medien und Filmprojekte vor.
Vielleicht finde ich Gleichgesinnte und gründe selbst eine Art Verlag und beschäftige mich im weitesten Sinne mit Literatur. Und ich habe das Privileg, Menschen zu kennen, die dabei sind mit zeitgemäßen elementaren Themen hervorragende literarische Qualität zu schaffen.
Apropos Zusammenkommen, wie ich auch Sie kennengelernt habe, könnten Sie gerne dazustoßen und in diesem Sinne hoffentlich bis bald.